Die Unschärfe der Welt

Titel:
Die Unschärfe der Welt

Erscheinungsjahr: 2020 /// Verlag: Klett-Cotta
213 Seiten
CHF 28.90

Wie erzählen von einem Buch, dessen Lektüre so nahe geht, dass jeder Satz darüber gestammelt wirkt. Nein, nicht nochmals lesen, in diesen Roman hineinwandern will ich, ohne Gedanken daran, zurückzukehren. Ich will dem Erzählen über Menschen zuhören in einer Erzählung der Welt. Ein zweites Mal bin ich in die Geschichte gereist, jetzt bei der dritten Lektüre will ich dort bleiben. Im Banat spielt die Generationengeschichte, im Banat, dem Ultima Thule der Literatur. Doch wie anfangen, über ein Buch zu erzählen, in dem das Leben und somit der Tod, die Liebe und somit das Leid, das Lachen und somit die Tränen, die Jahreszeiten und somit alle Endlichkeit derart sorgfältig und klar gezeichnet und anschliessend ausgemalt werden. Ein Salzheringhändler und Kutscher bringt die schwangere Florentine (und uns) im garstigen Winter in ein Spital (Szene in einem Tarkowskjifilm, Fred Zaugg schrieb dazu einmal, was sich auch über Iris Wolffs Buchsagen lässt: ˚Es sind die einprägsamen, genialen Bilder, welche die poetischen Filme von Andrej Tarkowskij verewigen: die fliegende Kamera als subjektiver Blick über eine Flusslandschaft, die davonspringenden Pferde und die abrupte Landung mit dem selbst gebauten Flugobjekt, das gebündelte Licht durch ein Astloch oder das schlichte Lächeln in den Gesichtern von Laiendarstellern. Die Bilder lassen staunen, sie erschüttern und erlauben Einblicke in die Erfahrungs- und Gefühlswelten anderer.«) und der Roman von Iris Wolff nimmt seinen Lauf, um so zu enden: »Der Blick des Zauberers ist der Blick des Publikums.«
Die Welten, die kleine der Menschen und die kleine der Politik zerfallen. Während die letztere nicht einmal mehr als Kulisse taugt – die Auflösung des Ostblocks –, wird die erste zum Humus, auf dem die Leben von uns allen erzählt werden können. Momente des Glücks, die ich mit Florentine und Hannes, Karline und Samuel und Stana, mit Bene, Liv, Noah und allen anderen dieser wolffschen Welt erlebt habe, wiegen das Schwere auf, in dem wie uns täglich wiederfinden. Wir steigen mit Samuel in eine Flugmaschine, um das Glück anderswo zu finden und kehren mit ihm zurück an den Ort, an dem wir unser erstes Wort gesprochen haben: »Zǎbăda.«
Ein »neues« Buch empfehlen, wenn er oder sie »Die Unschärfe der Welt« nicht gelesen haben sollte? Schwierig. Aus zweihundert Seiten werden beim Wiederlesen zweitausend.
Iris Wolff ist eine Magierin der Sprache, ich kenne keine andere Prosa in diesen Tagen, die ihr auch nur nahe kommt. Und ich schäme mich ein wenig, in meinen holprigen Sätzen darüber Kunde zu bringen.
» (...) es war nichts Verwerfliches an der Sehnsucht, zu den Orten zurückzugehen, die einen geprägt hatten.« Ja, so ist es.