Insel der verlorenen Erinnerung

Titel:
Insel der verlorenen Erinnerung

Erscheinungsjahr: 2020 /// Verlag: Liebeskind
352 Seiten, gebunden
CHF 30.90

Ja, ich mag sie, die Bücher der japanischen Autorin YOKO OGAWA. Elf der Preziosen gibt es auf Deutsch, alle im unvergleichlich fiebrigen Liebeskindverlag – einer der wenigen Verlage, von dem ich blind alle Bücher in mein Sortiment bestellen kann. Gelesen von Ogawa habe ich bisher vier und begegnet sind mir die Eulersche Formel, die Poesie der Mathematik, die Erfindung des Sudoku, Filmriss im Alter, Baseball, Lebensstrukur legen mittels Post-its; Schach, Kleinwüchsigkeit, die Anfänge der Welt der Automaten, Altersheime, Demenz; Vögel & Volieren, Freundschaft, Sonderlinge, 'Kotori', was 'Herr der kleinen Vögel' heisst, Sprachverlust, die Schönheit der kleinen Geste ... und jetzt bin ich vor der Lektüre des letzten Kapitels von »Insel der verlorenen Erinnerung«. Bevor ich über das Buch erzähle will ich schon mal einen kleinen, stummen Jubelschrei loswerden – //***ii – was für beglückende Abende liegen hinter mir. Auf einer Insel lebt eine Gesellschaft, der von einer unsichtbaren Regierung/Macht, die Dinge – les choses – und mit deren Verlust die Erinnerung an die Dinge genommen wird. Schiffe, Vögel, Blumen, Haarbänder und was es so an Wichtigem und Unwichtigem gibt, was den Menschen zum Menschen macht, oder mehr noch, es ist der Verlust der Erinnerung an die Dinge, die das bisschen Erde, das der Mensch zum Leben braucht, erodieren lässt.
Eine Erinnerungspolizei – (siehe Fahrenheit 451) – sorgt mit brutaler Härte und Konsequenz dafür, dass die den Menschen abhanden gekommene Welt zur Gänze aus dem Erinnerungsspeicher gelöscht wird. Hier zeigt sich aufs Schönste, wie einzigartig das literarische Können von Yoko Ogawa ist, spektakuläres Geschehen einzig über atmosphärische Bilder zu erzählen und zwar so, dass die beim Leser, bei der Leserin erzeugte Gänsehaut gar nicht mehr zu verschwinden scheint.
Protagonistin ist eine Schriftstellerin, die im Roman selbst wieder einen Roman schreibt; Protagonist ist ein ehemaliger Käptn eines Fährschiffes, als es noch Schiffe gab. Er bewohnt die Hülle einer ehemaligen Fähre, sich nicht mehr erinnernd, wozu diese, seine Behausung einmal gedient hat; Protagonist ist auch ein Verlagslektor R., der nicht vergessen kann, sich immerzu erinnert, deshalb fliehen, sich verstecken muss. In einem, wie bei Ogawa oft, klaustrophobisch kleinen Raum.
Dies ist das Setting und ich werde den Teufel tun, mehr von diesem literarischen Magierinnenstück zu erzählen. Ogawas Roman handelt als Parabel auch von dieser unserer Zeit, die genau die ist, weil wir es zulassen, sogar selbst darum besorgt sind, dass uns die Dinge abhanden kommen, dass wir unsere Erinnerung daran verlieren, wie die Geschichten begonnen haben und nicht mehr zu einem »Es war einmal ...« fähig sind. Wir werden zunehmend transparent, verlieren die Widerstandsfähigkeit, lösen uns allmächlich im Vergessen auf.
Das Buch ist aber auch eine der schönsten literarischen Annäherungen ans Thema Demenz/Alzheimer – wie überhaupt Erinnerung und Gedächtnis ein immerwährendes Thema in Ogawas Bücher sind.
Nicht zuletzt ist der Roman eine Anleitung zum Schreiben, eine Poetologie der gnadenreichsten Art und wer je dem Zauber und der magischen Macht einer erzählten Geschichte verfallen ist, kann hier nachlesen, was eine Geschichte zu einer Geschichte macht. Und was geschieht, wenn die Gedanken zwar über die Typen (Schreibmaschine) zu Papier gebracht, aber dort gerade auch wieder vergessen gehen. Seelen- und bedeutungslose Literatur. Es gibt Passagen in diesem Buch, die in allen Literaturinstituten dieser Welt den angehenden Autorinnen und Autoren zwischen die Flügelchen tätowiert werden sollten. Meine Tätowiererin arbeitet hier gleich um die Ecke. Einen Termin habe ich bereits.
»Insel der verlorenen Erinnerung« – ich lese und kartographiere allmorgendlich neu, neugierig darauf, ob die Insel, auf der ich durch Zeit und Raum gleite, immer noch dieselben Ausmasse hat, wie in der Nacht zuvor, als ich mich schlafen gelegt habe. Dann träume ich und sehe ein Feuer, sehe ins Feuer geworfene Bücher, erblicke erschreckt eine Bibliothek, die in Flammen aufgeht. Träume ich? Lebe ich in Ogawas Geschichte? Bin ich mir bereits abhanden gekommen? Was geht hier ab?
Als Letztes noch: Sollte der Nobelpreis für Literatur in den nächsten Jahren nach Japan vergeben werden, ja, es gibt nur eine, die ihn zugesprochen erhalten soll: Yoko Ogawa.