Wer fürchtet den Tod

Titel:
Wer fürchtet den Tod

Erscheinungsjahr: 2017 /// Verlag: Cross-Cult
480 Seiten
CHF 25.90

Ich muss weit zurückblättern, um ein Buch zu finden, dass mich auf ähnliche Weise in seinen Bann geschlagen hat, wie Nnedi Okorafors »Wer fürchtet den Tod«? Es war 1994 der Roman »Die hungrige Strasse« des nigerianischen Schriftstellers Ben Okri, der mir eine neue Leseerfahrung bescherte, der mich tief in die schwarzafrikanische Kultur eintauchen liess, ein mir damals fast ganz unbekannter (literarischer) Kontinent. Jetzt also, 26 Jahre später, nimmt mich die in Amerika geborene Tochter zweier Igbo-nigerianischer Eltern, sie waren vor dem Biafrakonflikt geflohen, mit auf eine vergleichbare Reise und doch ist vieles, fast alles anders. Leider, und zum Glück. Leider, weil das Buch dem Genre SciFi zugeordnet wird, und ich erst bei einer anderen Recherche zum Genre auf den Begriff »Afrofuturismus« und damit auf Nnedi Okorafor gestossen bin. Zum Glück, sage ich, weil Ben Okri eine männliche, oder auch kindliche Erzählperspektive hatte, während Okorafor eine radikal weibliche Sicht schreibt. Es ist die Sicht auf eine Welt, in der immer noch ein streng ritualisiertes, patriarchales Regime herrscht, Mädchen beschnitten werden, in einer Selbstverständlichkeit, dass einem der Atem genommen wird, eine Welt, in der brutalste Gewalt, Genozid und das Elend von Kindersoldaten zum von vielen akzeptierten Alltag gehört. In diese Welt hinein erzählt Okorafor in einer bildmächtigen Sprache die Geschichte von Onyesonwu (dt. Wer fürchtet den Tod), eines Ewu-Mädchens – gesellschaftliche Parias, da aus der Vergewaltigung eines Nuru-Mannes und einer Okeke-Frau entstanden –, das die Kräfte einer Zaubererin in sich hat, einer afrikanischen Zaubererin. Als elfjähriges Mädchen erlebt sie mit ihren Freundinnen die Verstümmelung, die Beschneidung und beschliesst, dieser traditionellen, von Männern ritualisierten und beherrschten Welt, den Krieg zu erklären. Mit ihren Freundinnen Binta, Luyu, Diti, die sich ebenfalls gegen die Welt, aus der sie stammen auflehnen und mit Mwita, er auch ein Ewu-Junge, brechen sie zu einer Reise auf, die eine schwarzafrikanische Realität erzählt, mit einem Furor, der dich als Leserin und Leser aus den Schuhen haut. Ihr Ziel ist die Vernichtung des Ursprung des (männlichen) Bösen, das Zer- und Aufbrechen einer Welt, die von Magie und Ausgrenzung geprägt ist. Wir finden uns in einer Realität wieder, in der die Welt zwischen Leben und Tod, Geisterwelten, und das Überleben in einer fantastischen Natur, die die Wüste ist, so selbstverständlich wird, weil sie uns so grossartig erzählt wird.
Diesem Roman wünschte ich mindestens soviel Erfolg, wie z.b. Adichies »Americanah«, lassen Sie sich also nicht abschrecken, weder vom Cover, noch von der Genrebezeichung. »Wer fürchtet den Tod« ist modernste, feministische, schwarzafrikanische Literatur, in der uns vorgeführt wird, was Geschichte(n) erzählen im eigentlichen Sinne des Wortes heisst. Einen weiterführenden Text zu Nnedi Okorafor gibt es hier zu lesen: https://www.tor-online.de/feature/buch/2019/08/science-fiction-von-fraue...