Treue

Titel:
Treue

Erscheinungsjahr: 2022 /// Verlag: Hanser
412 Seiten
CHF 37.90

Ich fange vorne an, bei der Lektüre des Romans »In der Ferne« von Hernan Diaz. Håkans Geschichte, handelnd zur Zeit des Goldrausches, als eine phantastisch-surreal anmutende Fussreise aus einer geographischen Landschaft hinein in eine innere, ist von einer derartigen Faszination, dass ich eine Zeitlang keine Lust auf andere Geschichten mehr hatte (...). Aber wie wir wissen: Das Universum an guter Literatur ist ein weites. (...)
Heute in der Früh habe ich die letzten Zeilen von »Treue« gelesen, dem neuen Roman des schwedisch-argentinisch-amerikanischen Schriftstellers. Behutsam habe ich Satz um Satz, Wort um Wort zu mir genommen, um das Buch zuzuklappen, zu wissen: dem Genre des Romans wurde soeben neues Leben eingehaucht. Dass Diaz sich Virginia Woolf zum Mass vieler literarischen Dinge genommen, ist nur einer von vielen Quadrupolen in diesem Geniestreich von Buch. Ich könnte auch sagen, Diaz hätte sich Roger Monnerats neues Buch als Echoraum genommen, doch schwerlich wird Diaz Monnerats Werk gelesen haben. (...)
In der Finanzwelt der zwanziger Jahren handelt TREUE, Rask, kein Gatsby, wohl aber alles in sich vereinigend, was Mann, Macht und Mythos meint. Helen an seiner Seite wird zu Ida, zu Mildred, aus Partenza wird Prentice wird Partenza – was wäre New York ohne alpine Höhenkliniken, was die Wallstreet ohne Spazierwege in Arvenwäldern, und nebenbei – nebenbei? – bekommen wir Lesenden die Geschichte der italostämmigen Anarchisten, alles über die Sprengkraft des Bleisatzes erzählt.
»Wie kehrt dann das Licht nach der Sonnenfinsternis zur Erde zurück? Wie ein Wunder. Zart. In feinen Streifen.« ... lese ich in Virginia Woolfs »Die Wellen«. In feinen Streifen, vielen feinen Streifen, die Sprache meinen, verführt uns Diaz, dieser Quantenphysiker unter den Schriftstellern dieser Zeiten, dazu, ihm in einen kaleidoskopartig gebauten Raum zu folgen, in dem sich patriarchal gefügte Systeme, männliches Sprechen auflöst im Brausen der Brandung, im d fis e a / a e fis d des Glockengeläuts.
»Treue« ist ein Buch, das der Literatur eine alte neue Richtung weist, and that has made all the difference. Oder in den Worten des einfachen Lesers, der ich bin: Selten haben meine Ohren mehr geglüht, mein Herz stärker gepocht, waren meine Tränen salziger, als beim letzten Satz von »Treue«.